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Camille de Toledo
Goodbye Tristesse
Bekenntnisse eines unbequemen Zeitgenossen
Meine Seele hat Asthma. Sie bekommt kaum Luft. Die Gegenwart bereitet mir Schmerzen. Es sind keine, die man sofort bemerken würde, sondern weniger auffällige, ohne Husten und Halskratzen. Trotzdem wollte ich sie loswerden. Ich habe alles geschluckt, was man mir gegeben hat und bin von jedem dieser Zeitgeisttrips noch kranker zurückgekehrt. Mir fehlte einfach die Luft. Ich konnte schlicht nicht atmen und so habe ich mich ganz früh in meinen 90er Jahren auf den Weg gemacht, in dem ganzen alten Plunder verblaßter Ideale nach etwas Neuem zu suchen, nach einem Ort, nach der einen oder anderen Idee. ... weil ich wieder atmen wollte. Ich glaube, daß ich nicht der einzige bin. Ganz im Gegenteil, ich möchte wetten, daß mein erstickendes ICH, ein WIR ist. Das WIR einer Generation, die zwischen eigenartig symetrischen Daten erwachsen wurde: zwischen 11/9 und 9/11. Zwischen dem Fall der Mauer und dem Fall zweier Türme. Zwischen dem 9. November 1989 und dem 11. September 2001. Zwei mal neun, zweimal elf, und zweimal Kollaps. Doppelkollaps eben. Dazwischen habe ich begriffen, daß Erwachsenwerden nichts anderes bedeutet, als den Kapitalismus zu erlernen. Schließlich habe ich mein Heranwachsen und die eigene Resignation mit diesen albernen, ignoranten, bescheuerten Eitelkeiten verwechselt, dem Konkurrenzdenken, den tausenderlei Ablenkungen, dem Sich-Begnügen mit mehr Schein als Sein, samt Speckrollen am Bauch und Dreck auf den Augen. Zweimal 9, zweimal 11, ein Doppelkollaps, aus dem ein neues Bewußtsein hervorging, seiner selbst noch nicht sicher. Meines, unseres. 119911. Das Bewußtsein meiner Generation – ein Palindrom. Eine Generation, die an allen Ecken und Enden mit großen Mengen Schutt, Staub und leerem Gerede zu kämpfen hat. Die Stimme unserer Generation, sie hätte die Chance verdient, gehört zu werden. Die bekam sie nicht. Vielleicht noch nicht. Denn noch achten die Alten, daß niemand das Maul aufreißt. Verbieten uns, unsere Stimme zu erheben, akzeptieren nur die leisen Töne. Sie ertragen die Dinge nur, wenn sie schwach, fad und leicht verdaulich sind und so werden sie auch unsere Stimme klein halten, bis unser Bewußtsein wie sie selbst alt und versteinert geworden ist; bereits vor der ersten ungehörigen Tat ergraut und von Falten gezeichnet, die von nichts anderem als der Entsagung erzählen. So wird es, wenn es eines Tages doch noch mitbestimmen und vielleicht einen Platz in den Geschichtsbüchern einnehmen will, längst zu spät sein. Das schöne Bewußtsein von der einen Mauer und den zwei Türmen, die es nicht mehr gibt, wird sich schon lange angepaßt und die Notwendigkeit zu atmen durch die Trivialität des Fressens ausgetauscht und sich damit abgefunden haben.
Deshalb möchte ich jetzt anfangen, ich möchte beginnen, bevor mein Bewußtsein verfault und meine Unschuld vom Leben zerfressen ist. Ich habe als Kind viel gelernt, unglaubliches Wissen hat man in mich hineingestopft. Jetzt weiß ich es, jetzt kann ich es sagen: die Söhne und Töchter des Doppelkollaps werden nicht nur die Kraft sondern auch die Unschuld haben, Dinge zu verändern und wahre Kunstwerke zu schaffen.
Es regt mich auf, wenn ich jeden Tag zusehen muß, wie wichtig die Alten sich nehmen und wie sie ihren Schwachsinn verbreiten. Sie sollten endlich sterben. Sie sollten ihre erbärmlichen Egos, ihre Erinnerungen, ihren Staat, ihre sexuelle Befreiung, ihre gescheiterten Revolutionen, ihre Desillusionierung, ihre Parteien, Parlamente und all ihre Leichen mitnehmen. Die von ihnen geschriebene Geschichte brauchen wir nicht mehr. Wir schreiben uns von jetzt an unsere eigene!
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